Einst rief ein König die Blinden seines Landes zusammen. Fünf unter ihnen wählte er aus. Dann ließ er einen Elefanten herbeiführen. Und die Blinden mussten den Elefanten befühlen und betasten. Und ein jeder sollte beschreiben, was er wahrgenommen hatte. So meinte der erste, der den Rüssel umfing, dass dies eine Schlange sei, und den Stoßzahn hielt ein anderer für ein Schwert. Ein dritter umfasste das Bein und war fest überzeugt, es sei der Stamm eines Baumes. Der vierte schließlich hielt das Ohr des Elefanten für ein gewaltiges Kohlblatt. Jener, der das Schwänzchen befühlte, glaubte einen Wurm zu greifen. Für den fünften Blinden schließlich schien die rissige und raue Haut des Elefanten eine Felswand zu sein. Ein jeder der fünf Blinden beschrieb seine Wahrnehmungen auf seine subjektive Weise. Alles zusammen aber war aber ein Elefant. So nehmen auch wir Sehenden, wir Lehrer und Pädagogen fast immer unsere Schüler nur in Teilen wahr.

Was ist hier das Problem?

Auch wir Sehenden, auch Lehrer und Pädagogen nehmen an unseren Schülern im schlimmsten Fall immer nur Teile wahr, erkennen nur Teilwahrheiten und sind der absoluten umfassenden Wahrheit gegenüber Blinde. Für uns Lehrerinnen und Lehrer ist diese Erkenntnis ganz wichtig; ja sogar essentiell – soll Unterricht die Schüler erreichen – viel wichtiger als Methodik, Didaktik, Medieneinsatz und sonstige “unterrichtstechnische” Rahmenbedingungen, scheint, als die wichtigste Grundlage das ganzheitliche Lernen. Gemeint ist damit die menschliche Beziehung zwischen dem Lehrer und seinen Schülern:

Eine solche pädagogisch menschliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler aufzubauen ist Aufgabe jeder guten Pädagogik, denn sie erst öffnet die Tür dazu, mehr als nur einen Teil vom gegenüber zu sehen / wahrzunehmen.

Miteinander lernen statt gegeneinander. Schulisches Lernen darf sich nicht auf Äußerlichkeiten, die Gestaltung der unterrichtstechnischen Rahmenbedingungen, auf noch so ausgefeilte Methoden etc. reduzieren, sondern muss als Beziehung, als Gespräch und als Zusammenarbeit praktiziert werden.

Unpersönlicher Unterricht, der sich nur und ausschließlich an Lehrstoff und fachspezifischer Leistung orientiert und die Person des Schülers und seine sozialemotionalen Bedürfnisse unbeachtet lässt, wirkt lernbehindernd. Heißt, den einzelnen Schüler nicht nur auf die fachspezifische Wahrnehmung durch den Lehrer zu reduzieren, sondern als Lehrer immer auf der Suche nach dem zu sein, was ein Schüler in einer bestimmten Situation zum guten Lernen braucht. Mit unseren Schülerinnen und Schülern müssen wir eine persönliche Arbeitsbeziehung entwickeln. Dies kann in vielen Situationen geschehen: durch Kurzgespräche vor Schulbeginn, während und außerhalb des Unterrichts durch Einzel- und Gruppengespräche, als Lern- und Lebenshilfe.

Der heute allein durch die enormen Klassenstärken wohl am meisten vernachlässigte pädagogische Grundsatz ist “die beziehungsmäßige Nähe des Lehrers zum Schüler”. Anders ausgedrückt, die Schülerorientierung, also den Schüler in seiner Gesamtpersönlichkeit wahr- und anzunehmen, ernst zu nehmen und seine Bedürfnisse zu respektieren. Für allzu viele Schulen ist der Schüler zum lästigen Störenfried geworden: Sein unberechenbares Verhalten wirft wohldurchdachte Fachrichtlinien und Unterrichtspläne über den Haufen, seine Reaktionen und Handlungen bringen die Schulordnung und Unterrichtsgestaltung durcheinander, und obendrein besteht er – bzw. seine Eltern – neuerdings auch noch hartnäckig darauf, dem dargebotenen Unterricht folgen können und alles verstehen zu müssen.

Wenn Unterricht wieder Spaß machen soll, (und zwar für Schüler und Lehrer!) wenn Kinder nicht länger vorgekautes Wissen bloß wiederkäuen (sollen), wenn Schule wieder Raum bieten soll für intellektuelle Abenteuer und bereichernde soziale Erfahrungen, dann wird sie das Ganzheitliche im Lernen, die Gleichgewichtigkeit des Sozialen und Emotionalen neben dem Kognitiven wiederentdecken müssen. Konkret: Kinder und Jugendliche, die Anerkennung, Zuneigung und ganzheitliche Wahrnehmung – statt „der hat keine Lust“, „der strengt sich nicht an“ – von Lehrern und Mitschülern erfahren, lernen nicht nur sich selbst, sondern sie lernen auch, andere anzuerkennen. Damit finden Sie auch in der Schule Sicherheit und Geborgenheit – auch dann, wenn Auseinandersetzungen auftreten.

Arbeit und Freizeit, Anstrengung und Entspannung sollen sich ergänzen und durchdringen. Denn es muss uns wichtig sein, dass alle Schülerinnen und Schüler gern in die Schule kommen und sich hier wohlfühlen. Eines ist gewiss: Was mit Freude gelernt wird und was mit positivem Erleben verbunden ist, dafür tut man mehr, und das wird auch besser behalten. Schüler Schule nicht allein als Unterrichtsstätte, sondern gleichermaßen als ihren

Lebens-, Lern- und Erfahrungsraum wahrnehmen. Hier sollen sie sich glücklich und geborgen fühlen und in einer freien und befreienden Atmosphäre lernen können. So erfahren sie dann gleichsam vertrauensvolle Bindungen zu Mitschülern und Lehrern, gegenseitige persönliche Zuwendung und offenen mitmenschlichen Umgang.

Heißt zu aller erst:

Individuelle Zuwendung, positive Schüleransprüche:

Kinder und Jugendliche sollen in der Schule nicht nur kognitive, sondern unbedingt auch reichhaltige soziale und positive emotionale Erfahrungen machen können. In ihrer Beziehung zum Lehrer brauchen sie Raum, Halt, Orientierung und Unterstützung für ihre Erfahrungen. Wenn ein Lehrer bestimmte Beziehungsmerkmale im täglichen Miteinander verwirklicht, fördert er in günstiger und ganzheitlicher Weise die Persönlichkeitsbildung der Schüler:

– Achtung, Akzeptanz, Wertschätzung

– einfühlendes Verhalten

– Echtheit als Mensch

drücken sich in der gesamten Art der Zuwendung des Lehrers zu den Schülern aus. Immer wieder kann man daran, wie ein Lehrer auf Schüler zu- und eingeht, wie er sie wahrnimmt, ob er sich einer ganzheitlichen Wahrnehmung gegenüber als blind verstellt, deutlich erkennen, dass/ob er sie achtet und akzeptiert, ob er sich bemüht, sie zu verstehen, und ob er sich selbst als Mensch nicht versteckt, also echt ist. In seiner gesamten Haltung, in seiner Gestik, Mimik und durch den Tonfall, in dem er spricht, drücken sich diese Merkmale aus. Ebenso deutlich kann man in der Art, wie ein Lehrer mit Schülern spricht, erkennen, ob er sich bemüht, sie zu verstehen, und sie ganzheitlich wahrzunehmen versucht.

Es geht also nicht nur darum, konkrete Regeln, Vorschriften, Anweisungen, “Rezepte” bereitzustellen. Die konkrete Verwirklichung des Pädagogischen vollzieht sich in der Art und Weise wie Lehrer und Schüler die Beziehung miteinander täglich in immer einzigartiger Weise gestalten. Bei aller Bedeutung des pädagogischen Wissens ist es doch für uns Lehrer zuerst erforderlich, sich den Erfahrungen zu öffnen, die wir insbesondere in der Beziehung zu Schülern machen können.

Was wir von und mit Dickhäutern lernen können?

Ja wir können selbst von Dickhäutern lernen, wenn wir sie nicht auf Teilwahrnehmungen reduzieren. Der Versuch bereits genügt, und das ständige tägliche unterrichtliche Bemühen bereits reicht, nämlich als Lehrer stets nach dem zu streben, was der aktuelle vor mir sitzende Schüler am ehesten benötigt um mit den

unterrichtlichen Anforderungen klar zu kommen.

Heißt:

Positive Lehrer-Schüler-Beziehung

….. diese erst bereitet den Nährboden für einen ganzheitlichen schülerorientierten, erfolgreichen Unterricht.

 

Prof. Dr. h.c. Hans Biegert, Schuldirektor i.R., Dozent und Hochschullehrer

P.S.:    Und wenn Sie den von mir gezeigten Dickhäuter aus der Nähe sehen, begreifen, wahrnehmen möchten, lade ich Sie zu einem sonntäglichen Spaziergang durch den Blindengarten in der Bonner Rheinaue ein!