Liebe Schülerinnen und Schüler,

sehr geehrte Eltern,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

 

In Ruhe zu unterrichten, stressfrei zu lernen, in Muße einen Text zu lesen oder lesen zu lassen, umfassende Übungs- und Vertiefungsphasen im Unterricht einzurichten, sich einmal mit einem statt mit 30 zu beschäftigen; wird dies nicht an vielen Schulen immer mehr zur Utopie? Unterricht erteilen, ist dies nicht bereits vielerorts in Gefahr, dem schulischen Zeitmanagement geopfert zu werden? Ganz obendrein fehlt es akut an staatlichen Schulen nicht nur an Zeit, sondern es fehlt auch noch an Lehrern. Laut Schulministerin Gebauer allein in NRW mittelfristig 18.000 da müssen dann wohl die anderen was schneller unterrichten.

Aber Lernen, wirkliches, wirksames und sinnorientiertes Lernen, erfordert nach unserem pädagogischen Verständnis, Ruhe, Stressfreiheit Geduld und eine sich an der Individualität des einzelnen Schülers orientierende Zeit. Diese pädagogische Grundeinstellung möchte ich heute an unserem ersten Schultag mit kompletter Lehrerschaft wieder ein wenig bewusster machen, ich stelle sie unter die Überschrift

 

Langsam, aber sicher!

 

„Die Zeit macht gescheit“, sagt ein Sprichwort und wie bei vielen Sprichwörtern stimmt es, und es stimmt auch wiederum nicht. Denn: Wenn allein die Zeit die Menschen gescheit werden ließe, dann bräuchte man keine Lehrerinnen und Lehrer. Aber dennoch, dieses Sprichwort „langsam, aber sicher“, wenn wir es auf den Unterricht in der Schule übertragen, zeigt uns etwas sehr Wichtiges. Es macht nämlich auf den heute an vielen Schulen allzu vernachlässigten Aspekt aufmerksam, dass wir alle nur etwas mit der Zeit und nicht gegen sie, also gleichsam unter Zeitdruck, lernen können. Genauer: dass wir alle, ob jung oder alt, viel Zeit brauchen und gebraucht haben, um klug und gebildet zu werden. Diese Zeit aber wird den Schülerinnen und Schülern in den mit 30-34 Schülern übergroßen und zunehmend heterogenen Klassen vieler Schulen und das bei unvollständiger Lehrerschaft immer weniger gelassen.

Kultusministeriell erlassene Zeitstrecken bestimmen dabei die ebenso ministerial vorabentschiedenen und zugeordneten Lehr- und Lernstoffmengen. Man nennt dies dann (lateinisch) Curriculum, was wörtlich übersetzt zu Deutsch sinnträchtigerweise „das Rennwägelchen“ heißt, Sie hören richtig! Gemeint sind die amtlichen Lehrpläne! Was muss ein Lehrer/eine Lehrerin in welchem Fach und in welcher Zeit und wie durchnehmen. Richtet sich dann die Lehrerin oder der Lehrer dabei, an der „Lerngeschwindigkeit“ des real nicht existierenden „Durchschnittsschülers“ aus, muss sich, – so die kultusministerielle Vorstellung, – quasi ganz von alleine der Lernerfolg einstellen. Stellt er sich aber wie so häufig nicht ein, sind entweder die Schüler zu faul, die Eltern zu wenig engagiert, oder speziell in wiederholten Fällen „der Schüler falsch am Platz“. So und an solchen Schulen werden Lehrerinnen und Lehrer zu zeitnehmenden Unterrichtsbürokraten und immer sind sie fast von einer Angst geplagt: „komme ich mit diesem Stoff, mit dieser Klasse und mit dieser Zeit aus?“

„Schneller-lesen“, „Schneller-arbeiten“, ja – schneller denken sind dies nicht vielerorts die un

ausgesprochenen, häufig verdeckten Prinzipien eines vermeintlichen „Lernfortschritts“? Wenn das so weitergeht, stehen uns bald Kurse fürs „Schneller Sprechen“ ins Haus, allein beim „Schneller Hören“ wird’s dann schwierig werden.

Fast wäre es ja soweit gewesen mit dem kultusministeriellen UnternehmenG 9 – G8“ und wieder zurück auf Anfang G9.

So wird die Zeit und die darin selbst gemachte Not wichtiger als die Belange derer, worum‘s eigentlich gehen sollte – nämlich, die Belange der Schülerinnen und Schüler.

Warten und vor allem das rücksichtnehmende „Abwarten können“ wird so zur entnervenden Angelegenheit. Nichts-Tun – und wenn’s auch Ausdruck fürs intensive Nachdenken ist, wird zum „Zeitverplempern“, der Langsamere wird zwangsläufig zum Störer. „Zeit gewinnen“ ist die Maxime, „beeile Dich“ der für die Schüler alltäglich spürbare Druck. „Hans, Du trödelst ja schon wieder“, „Renate, Du träumst“ so oder ähnlich die täglichen Ermahnungen. Wer träumt, der stört; wer etwas länger nachdenkt, wird ermahnt, sich besser am Unterricht zu beteiligen. Der Schulbetrieb, so heißt das ja vielerorts sinnigerweise, muss laufen, wie ein Produktionsband im Zeittakt.

Wir an der HEBO-Schule sagen aber:

Wer warten, ja wer abwarten kann, hat viel getan.

Sinnorientiertes Lehren und Lernen setzt den Schüler als Menschen in den Mittelpunkt und nicht als Mittel. Das bedeutet aber, dass im Unterricht der individuelle Auffassungsrhythmus des einzelnen Schülers akzeptiert werden muss. „Zeit verlieren können“, „Sich Zeit lassen“, sind so und erst recht in kleinen Klassen fürs humane Lernen und Lehren zentrale Voraussetzungen. Zeitplanung ist pädagogisch nur dann sinnvoll, wenn das individuelle Arbeitstempo der Schüler differenziert berücksichtigt wird. Ein vermeintliches Tempo, in dem Schüler lernen müssen, verhindert gerade dieses – vom Spaß an der Sache für alle, ganz zu schweigen, Fürs Lernen und Lehren, trifft viel eher die alte Volksweisheit zu, dass eben alles seine Zeit hat, gemäß dem Sprichwort: „Und wenn man 100 Hühner über ein Ei setzte, es würde nicht vor der Zeit ausgebrütet“ oder „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“. Die am Unterrichtsprozess Beteiligten – nämlich Lehrer und Schüler – sind im Gegensatz zum Fließband lebende Wesen. Ich denke, die Logik des platzenden Knotens liegt viel näher an der Realität dessen, was Lernen ist, als die Vorstellung von einer gleichmäßig aufsteigenden Ergebniskurve aus den Köpfen von Unterrichtstechnokraten.

Der eine braucht länger, der andere kürzer zum Verstehen, beim Reden, beim Erklären. Sich gegenseitig zuhören, sich wahrnehmen, aufeinander zugehen, sich um Verständnis bemühen, den anderen in seinem Sein zu akzeptieren, helfen wollen, Partner sein.

So sehen wir es an der HEBO-Privatschule: Beziehungen kann man nicht über’s Knie brechen. Beziehungen gelingen nicht zu allererst, weil alles ordentlich geregelt ist, sie werden von der Macht der Gefühle, nicht von Zeitplänen beherrscht.

Als ich vor 45 Jahren als Lehrer anfing, passierte es mir in einer meiner sogenannten Vorführstunde – d.h. ein Aufsichtslehrer saß bei mir während meines Unterrichts hinten in der Klasse –, und es geschah, dass ich 10 Minuten „zu früh“ fertig war. Mir fiel in der Situation spontan zum Stundenthema direkt nichts mehr ein – auch die Schüler empfanden die Mathe-Stunde als sachliche Einheit abgeschlossen – also erklärte ich das Stundenthema für beendet, worauf mein Fachleiter, Dr. Kaiser sofort demonstrativ das Klassenzimmer verließ. Die Schüler machten dann ihre Schularbeiten, aßen ihre Brote usw. Diese 10 Minuten waren die schönsten Minuten, da die Atmosphäre viel entspannter war als vorher. Ich kam mit den Schülern in Kontakt und konnte helfen, wenn sie Fragen hatten. In der Fachleiterstundenbesprechung wurde mir gesagt, dass es unmöglich von mir gewesen sei, das Thema quasi vorzeitig als abgeschlossen zu erklären.

Jedes wirklich erfolgreiche Lehren und Lernen lebt vom Finden einer Zeitgestaltung, die sich an den Schülern orientiert. Dazu gehören das Wartenkönnen, das Langsamsein, das Ausharrenkönnen, das Innehalten, das Nachdenken. „Warten“, so das historische Grimmsche Wörterbuch, hatte vor nicht allzu langer Zeit noch die Bedeutung von „Aufpassen“, „Verhindern“, „Behüten“, „Pflegen“, „Schützen“.

Ich denke, im langsameren, abwartenden, geduldigen Verstehen und individuellen Handeln liegen für viele Schüler erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten. Geduld ist etwas anderes als bloße Gleichgültigkeit, vielmehr ist sie die Fähigkeit auf Verzicht, das Zeitraster und nicht den Schüler in den Mittelpunkt zu stellen. Geduld, wohlwollendes Zuwarten, Verstehen, Zuhören ist gefragt. Für uns an der HEBO-Privatschule eine der wichtigsten pädagogischen Lehrer-Tugenden. Denn nur so gilt auch unser Motto

 

„… mit Freude erfolgreicher Lernen“

„mehr Freude und Erfolg beim Lernen erfahren“.

 

In diesem Sinne heiße ich Sie alle, Schülerinnen und Schüler

Eltern, Freunde und Bekannte

Lehrer und Mitarbeiter

sehr herzlich willkommen und wünsche einen ruhigen, stressfreien Schulbeginn.

 

HEBO-Privatschule

Prof. Dr. hc. Hans Biegert, Schulträger

Bonn-Bad Godesberg, 29.08.2018